Übersetzung und linguistische Textanalyse

Übersetzung und Textanalyse
Die linguistische Textanalyse hängt eng mit der Übersetzung von publizistischen und insbesondere Werbetexten zusammen. Sie bildet eine fundamentale Grundlage für die Tätigkeit von jedem erfolgreichen Übersetzer Deutsch-Russisch.

Darum kommt hier eine kurze Abhandlung über die Textanalyse und ihre Methoden.

Die Hauptaufgabe der linguistischen Textanalyse ist, so K. Brinker, "die Struktur, d.h. den grammatischen und themati­schen Aufbau, sowie die kommunikative Funktion konkreter Texte transparent und nachprüfbar zu machen." Entscheidend für die Textlinguistik nach sind also die systematische Beschreibung der Prinzipien des Textaufbaus und die Erklärung dieser Grundlagen der Textkonstitution für die Textrezeption.

Als theoretische Grundlage für seine Methode der linguisti­schen Textanalyse hat K. Brinker eine Unterscheidung von Textstruktur und Textfunktion gewählt. Dabei muß erwähnt werden, daß diese zwei auf den Text bezogenen Begriffe bei der linguistischen Analyse nur ziemlich schwer voneinander zu trennen sind, und eine isolierte Untersuchung der beiden Textbegriffe ist auch kaum möglich, weil zwischen ihnen zahlreiche Beziehungen bestehen.

Zum Textbegriff
Wie bereits erwähnt, ist der Begriff des Textes nicht ganz einheitlich. K. Brinker bezweifelt nicht die Kernbedeutung jedes Textes: "Text ist eine (schriftlich) fixierte sprachliche Einheit, die in der Regel mehr als einen Satz umfaßt"(Brinker, S. 12). Diese Kernbedeutung ist allerdings für K. Brinker keineswegs ausreichend, da sie das Merkmal der Kohärenz (im inhaltlichen Sinn) außer acht läßt: "... eine Satzfolge wird nur dann als Text bezeichnet, wenn sie in inhaltlich-thematischer Hinsicht als zusammenhängend, als kohärent interpretiert werden kann" (Brinker, S. 12).

Mit der Definition des Textbegriffs setzen sich immer wieder Sprachwissenschaftler auseinander, da dieser Begriff in jeder Linguistik eine prinzipielle Bedeutung hat, und zwar: der Textbegriff ist von der Zielsetzung und Gegenstandsbe­stimmung beim Aufbau einer Theorie oder Methode abhängig.
In diesem Zusammenhang unterscheidet K. Brinker zwei Hauptrichtungen der Textlinguistik, "die durchaus unter­schiedliche Zielsetzungen entwickelt haben und die ihren Untersuchungsgegenstand "Text" deshalb auch unterschiedlich definieren" (Brinker, S. 12).

a) Die erste der Hauptrichtungen ist die sprachsystematisch ausgerichtete Textlinguistik, die "die sprachsystematisch zu erklärenden Gesetzmäßigkeiten" der Textbildung herauszufinden und zu beschreiben versucht. Dabei wird der Text als eine kohärente Folge von Sätzen definiert, wobei diese Textkohärenz nur grammatisch gefaßt wird.

b) Für die kommunikativorientierte Textlinguistik ist der Text keine "grammatisch verknüpfte Satzfolge", sondern eine komplexe sprachliche Handlung, ein Versuch, die kommunikativen Beziehungen Sprecher - Hörer bzw. Schreiber - Leser herzustellen, d.h., es wird die kommunikative Funktion untersucht.

Diese Grundpositionen werden von K. Brinker produktiv durchgearbeitet. Sie sind, so K. Brinker, als komplementäre Konzeption zu betrachten und eng aufeinander zu beziehen. Daraufhin entsteht Brinkers Textbegriff, der die beiden Forschungsrichtungen berücksichtigt und ermöglicht, den Text als "eine sprachliche und zugleich kommunikative Einheit zu beschreiben": 
Der Text ist "eine begrenzte Folge von sprachlichen Zeichen, die in sich kohärent ist und die als Ganzes eine erkennbare kommunikative Funktion signalisiert" (Brinker, S. 17).

Analyse nach dem strukturellen  Aspekt (Textstruktur)

Die Beschreibung der Struktur eines Textes ist für K. Brinker die Untersuchung der inneren Beziehungen zwischen den Strukturelementen eines Textes, die seine Kohärenz beeinflussen, wobei die Textstruktur auf zwei Ebenen (auf der grammatischen und thematischen) dargestellt werden kann.
Eines der wichtigsten Strukturelemente ist für K. Brinker der Satz. Um den Satzbegriff genauer zu beschreiben, unterscheidet der Sprachwissenschaftler zwischen
  • dem Textsegment - Gliederungseinheit der Textoberfläche;
  • dem Satz als eine syntaktische Struktureinheit;
  • dem Satz als eine semantische Struktureinheit (Proposi­tion).
Zwischen diesen auf den ersten Blick ähnlichen Größen gibt es keine 1:1 - Entsprechung.

Grammatische Beschreibungsebene
Die Untersuchung der grammatischen Kohärenz, d.h. der "für den Textzusammenhang relevanten syntaktisch - semantischen Beziehungen zwischen aufeinanderfolgenden Sätzen eines Textes" (Brinker, S. 20), ist hier der Gegenstand der Analyse.
Ausschlaggebend für die Entstehung der grammatischen Kohärenz sind die Wiederaufnahme (explizite und implizite), Tempuskontinuität, konjunktionale Verknüpfung sowie semanti­sche Vertextungstypen.

Die explizite Wiederaufnahme

Bei der expliziten Wiederaufnahme handelt es sich, so K. Brinker, um die Referenzidentität der sprachlichen Ausdrücke in aufeinanderfolgenden Sätzen eines Textes. Diese bezeichnungsgleichen Ausdrücke beziehen sich auf außer­sprachliche Objekte (Referenzträger). Im Falle eines durch Substantiv benannten Referenzträgers kann die Wiederaufnahme z.B. durch
- Wiederholung desselben Substantivs,
- ein oder mehrere Substantive oder
- ein bestimmtes Personalpronomen
erfolgen. Diese Möglichkeiten allein können allerdings kaum eine vollständige Wiederaufnahme darstellen. Hinzu kommt auch z.B. die regelhafte Abfolge von dem bestimmten und unbestimmten Artikel sowie der Textkontext.


Die implizite Wiederaufnahme

Charakteristisch für die implizite Wiederaufnahme ist das Nichtvorhandensein der Referenzidentität zwischen dem wiederaufnehmenden Ausdruck und dem Bezugsausdruck, d.h., es handelt sich um verschiedene Gegenstände, zwischen denen bestimmte Beziehungen, in der Regel Teil - von- oder Enthaltenseinsrelationen, bestehen.
Im Falle der Enthaltenseinsrelationen ist, so K. Brinker, der Begriff der semantischen Kontiguität, der "begriffliche Nähe" oder "inhaltliche Berührung" darstellt, von Bedeutung. Bezugnehmend auf Harwegs Untersuchungen erläutert K. Brinker folgende Arten der Kontiguitätsverhältnisse:
  • das logisch begründete Kontiguitätsverhältnis,
  • das ontologisch begründete Kontiguitätsverhältnis und
  • das kulturell begründete Kontiguitätsverhältnis.

K. Brinker unterscheidet zwischen folgenden Indizien, durch   die eine Relation der Wiederaufnahme vom Hörer oder Leser angenommen werden kann:

a) aus semantischer Sicht:

- textimmanent. "Die Beziehung zwischen Bezugsausdruck und wiederaufnehmendem Ausdruck wird im Text selbst hergestellt" (Brinker, S. 39);

- sprachimmanent. Die Beziehung ist im Sprachsystem verankert;

- sprachtranszendent. Die Beziehung gründet auf enzyklopädi­schen Erfahrungen und Kenntnissen der Kommunikationspartner.

Zusammenfassend wird das Prinzip der Wiederaufnahme von K. Brinker wie folgt charakterisiert: dieses Prinzip ist zwar "in seinen verschiedenen Formen ein wesentliches Mittel der Textkonstitution; es liefert aber weder hinreichende noch notwendige Bedingungen dafür, daß eine Folge von Sätzen eine kohärente Satzfolge darstellt, d.h. als Text verstanden wird." (Brinker, S. 37)


Thematische Beschreibungsebene

Auf dieser Ebene wird der kognitive Zusammenhang zwischen den in den Sätzen ausgedrückten Sachverhalten hergestellt.

Bei der Analyse auf der thematischen Beschreibungsebene geht K. Brinker davon aus, daß nicht das Prinzip der Wiederaufnahme, durch das die Einheitlichkeit des Textgegenstandes sprachlich erzielt wird, sondern "letztlich die thematische Orientierung", d.h. die "kommunikative Konzentration auf einen einheitlichen Gegenstand", die Erscheinung ist, die "eine Folge von Sätzen zu einer kohärenten Satzfolge, eben zum Text macht." (Brinker, S. 42)

Zum Thema-Begriff

K. Brinker verfolgt die Entwicklung des Thema-Rhema-Konzepts von der V. Matheus' Thema-Rhema-Gliederung über die Danes bis  zu dem Makro- und Superstrukturkonzept von T. A. van Dijk und konzentriert sich auf den Thema-Begriff als einen thematischen Kern, der "nach bestimmten (letztlich wohl kommunikativ gesteuerten) Prinzipien zum Gesamtinhalt des Textes entfaltet wird" (Brinker, S. 50). Das Textthema ist für Brinker die größtmögliche Kurzfassung des Textinhalts.

Darüber hinaus läßt sich, so K. Brinker, der Thema-Begriff nach seinen Arten (z.B. Ereignis, Gegenstand usw.), nach der lokalen (auf Emittenten/Rezipienten bezogen/außerhalb von Emittent und Rezipient) sowie temporalen (vorzeitig, gleich­zeitig, nachzeitig, zeitlos) Orientierung eingliedern.

In der Regel enthält aber ein Text mehr als ein Thema, darum muß man zwischen einem Hauptthema und Nebenthemen unter­scheiden. Dafür schlägt K. Brinker folgende Prinzipien vor:
- Das Ableitbarkeitsprinzip. Das Hauptthema ist das Thema, aus dem "sich die anderen Themen des Textes am überzeugendsten (für unser Textverständnis) 'ableiten' lassen" (Brinker, S. 52);
- Das Kompatibilitätsprinzip besagt, daß "sich Thema und kommunikative Funktion des Textes bis zu einem gewissen Grade gegenseitig bedingen", so ist das Hauptthema, so K. Brinker, ein Thema, das sich "am besten mit der aufgrund einer textpragmatischen Analyse ermittelten Textfunktion ver­trägt" (Brinker, S. 52).

Thematische Entfaltung

Den Begriff der thematischen Entfaltung, der die gedankliche Ausführung des Themas meint, zählt K. Brinker zu den Grund­begriffen der textthematischen Analyse.

K. Brinker schlägt eine zweistufige Analyse der thematischen Entfaltung vor:

a) die Ermittlung des inhaltlichen Beitrags der einzelnen Propositionen zum gesamten Textinhalt;

b) die Bestimmung und die kategoriale Bezeichnung der logisch - semantischen Relationen von Teilthemen zum Textthema.

K. Brinker unterscheidet zwischen den wichtigsten Grundfor­men der thematischen Entfaltung:

  • die deskriptive (beschreibende),
  • die narrative (erzählende),
  • die explikative (erklärende) und
  • die argumentative (begründende)
Entfaltung eines Themas.


Die deskriptive Themenentfaltung ermöglicht die Darstellung eines Themas in seinen Komponenten sowie eine räumliche und zeitliche Einordnung. Die wichtigsten thematischen Kategorien sind Spezifizierung und Situierung.

Die narrative Themenentfaltung hat folgende Merkmale:
  • das Thema wird durch ein abgeschlossenes und singuläres Ereignis repräsentiert;
  • die wichtigsten thematischen Kategorien sind die Komplikation und die Resolution.

Die explikative Themenentfaltung zeichnet sich durch die logische Ableitung eines Sachverhalts aus bestimmten anderen Sachverhalten aus. Diese Themenentfaltung ist für die auf eine Erweiterung des Wissens zielenden Textsorten, wie etwa ein Lehrbuch oder ein wissenschaftlicher Text charakteristisch.

Die argumentative Themenentfaltung basiert auf Begriffen "These" und "Argument", denn es gibt keine Argumentation ohne die Angabe von Daten, auf die man sich als unmittelbare Belege für die aufgestellte These stützen muß. Weitere grundlegende Begriffe sind "Schlußregel" und "Stützung der Regel". 

Analyse nach dem kommunikativ-funktionalen Aspekt

Für jeden Text sind in der Regel mehrere Funktionen charakteristisch. So unterscheidet man in verschiedenen Tex­ten zwischen einer informativen, appellativen usw. Funktion. Was jedoch für alle Texte relevant ist, ist der Kommunikationsmodus, der in der Regel nur durch eine Funktion bestimmt wird. Diese dominierende Kommunikations­funktion wird als Textfunktion bezeichnet.
Auf den Begriff der Textfunktion wird von K. Brinker in sei­nen weiteren Untersuchungen näher eingegangen.

In seinen Untersuchungen der Textfunktion beruft sich K. Brinker auf die Sprechakttheorie von J.L. Austin, J.R. Searle, D. Wunderlich u.a.

Zum Begriff des Sprechhandlungskonzepts

K. Brinker geht davon aus, daß sprachliche Handlungen nicht nur intentional, sondern auch konventionell sind, d.h., "sprachliche Handlungen werden innerhalb der Sprachgemein­schaft nach Regeln vollzogen, die die einzelnen Sprachteilhaber jeweils in ihrem Sozialisationsprozeß mehr oder weniger vollkommen erlernt haben" (Brinker, S. 79-80).
Die Konventionalität sprachlicher Handlungen ermöglicht also dem Sprecher, mit einer bestimmten Äußerung dem Hörer ver­ständlich zu machen, was er beim Hörer erzielen will. So unterscheidet man zwischen den sprachlichen Handlungen, z.B. das Auffordern, Ratgeben, Versprechen, Behaupten, Fragen.

Der Textfunktion-Begriff von K. Brinker

K. Brinker geht von E.U. Großes Definition der Textfunktion aus: der Begriff der Textfunktion bezeichnet "die im Text mit bestimmten, konventionell geltenden, d.h. in der Kommunikations­gemeinschaft verbindlich festgelegten Mitteln ausgedrückte Kommunikationsabsicht des Emittenten" (Brinker, S. 86). Dabei muß man zwischen der Textfunktion und der Textwirkung, die nicht konventionalisiert ist, unterscheiden.

K. Brinker setzt sich auch mit dem Problem der Textfunktionsindikatoren auseinander.
Er unterscheidet zwischen drei Grundtypen:

a) Sprachliche Formen und Strukturen, die eine "direkte" Signalisierung erlauben (z.B. durch explizit performative Formeln und äquivalente Satzmuster).

b) Sprachliche Formeln und Strukturen, die die Einstellung  des Emittenten zum Textinhalt implizit zum Ausdruck bringen (indirekt signalisiert).

c) Indikatoren des Kontexts (z.B. der situative oder institutionelle Rahmen des Textes, das vorausgesetzte Hintergrundwissen usw.)

K. Brinkers Abgrenzung von Textfunktionen beruht auf einem einheitlichen Kriterium, "auf der Art des kommunikativen Kontakts, die der Emittent mit dem Text dem Rezipienten gegenüber zum Ausdruck bringt" (Brinker, S. 97).

Kurzfassung Brinkers linguistischer Textanalyse

Grundlegend für Brinkers Auffassung der linguistischen Text­analyse ist die Unterscheidung von Struktur und Funktion. Beim strukturellen Aspekt unterscheidet man zwischen der grammatischen und der thematischen Strukturebene. Die zentrale Analysekategorie der grammatischen Ebene ist die grammatische Kohärenz. Die Struktur des Textinhalts ist der Untersuchungsgegenstand der thematischen Ebene.Der kommunikativ-funktionale Aspekt bezieht sich auf den Handlungscharakter des Textes.

Methode der linguistischen Analyse von Robert-Alain de Beaugrande und Wolfgang Ulrich Dressler

Bei der Entwicklung ihrer Methode haben sich die Autoren zum Ziel gesetzt, "die gemeinsamen Merkmale und die Unterschiede zwischen den Texten und Textsorten zu beschreiben oder zu erklären" (de Beaugrande / Dressler, S.3). Eine weitere Aufgabe war die Untersuchung von Kriterien, die Texte erfüllen müssen; wie diese Kriterien, so de Beaugrande / Dressler "erzeugt und aufgenommen werden können, wie sie in einem gegebenen Kontext gebraucht werden". Wichtig ist die Frage nach der Funktion der Texte in menschlicher Interaktion.

Zu Grundbegriffen der Methode

 Der Text wird von de Beaugrande/Dressler als eine KOMMUNIKATIVE OKKURENZ (engl. "occurrence") definiert, die sieben Kriterien der TEXTUALITÄT erfüllt:
- Kohäsion
- Kohärenz
- Intentionalität
- Akzeptabilität
- Informativität
- Situationalität
- Intertextualität,
wobei der Text bei der Nichterfüllung einer diesen Kriterien von de Beaugrande/Dressler nicht als kommunikativ betrachtet wird.

Diese Kriterien fungieren als KONSTITUTIVE PRINZIPIEN, die die Grundlage der Textkommunikation erzeugen und bestimmen.
Kontrollierende Funktionen von der Textkommunikation werden von folgenden REGULATIVEN PRINZIPIEN übernommen:
- Die Effizienz ist "vom möglichst geringen Grad an Aufwand und Anstrengung der Kommunikationsteilnehmer beim Gebrauch des Textes" (de Beaugrande / Dressler, S.14) abhängig.
- Die Effektivität meint das Hinterlassen eines möglichst starken Eindrucks und die Erzeugung von günstigen Bedingungen, um ein Ziel zu erreichen.
- Die Angemessenheit steuert die Beziehungen im Text zwischen seinem Kontext und der Erfüllung der Textualitätskriterien.

Die konstitutive und regulative Prinzipien der Textkommunikation werden weiter von de Beaugrande/Dressler in Anlehnung an die sieben Kriterien untersucht.

Kriterien der Textualität

Kohäsion

Unter der Kohäsion verstehen de Beaugrande und Dressler die Art, "wie die Komponenten der Oberfläche, d.h. die Worte, wie wir sie tatsächlich hören oder sehen, miteinander ver­bunden sind" (. Die Kohäsion beruht auf der grammatischen Abhängigkeit, und sie kann nicht allein über den Sinn des Textes entscheiden. Um die Textkommunikation effizient zu gestalten, soll die Interaktion zwischen Kohäsion und den anderen Kriterien der Textualität geschaffen werden.

Kohärenz

Die Kohärenz bedeutet die Funktionen, "durch die die Komponenten der Textwelt, d.h. die Konstellation von Konzep­ten und Relationen, die dem Oberflächentext zugrunde liegen, für einander gegenseitig und relevant sind".(de Beaugrande / Dressler, S.5) Die Kohärenz kann man aus verschiedener Sicht bertachten, z.B. die Relationen, die kausal oder zeitlich zusammengefaßt werden. Kohärenz ist auch (und vorrangig) ein Ergebnis der kognitiven Prozesse der Textverwendung, da "die bloße Aneinanderreihung von Ereignissen und Situationen in einem Text Operationen aktiviert, welche Kohärenzrelationen erzeugen oder ins Bewußtsein zurückrufen."(de Beaugrande/Dressler, S.5)

Intentionalität

Die Intentionalität zeigt die Einstellung des Textproduzenten zum Ziel seines kohäsiven und kohärenten Textes und zu der Herangehensweise, wie dieses Ziel erreicht werden kann.

Akzeptabilität

Dieses Merkmal betrifft die Einstellung des Rezipienten zu einem Text, seine Erwartung in bezug auf die Kohärenz und Kohäsion dieses Textes. Dabei sind die Faktoren wie Text­sorte, sozialer oder kultureller Kontext sowie die Wünsch­barkeit von Zielen von Bedeutung.

Informativität
Die Informativität bedeutet "das Ausmaß der Erwartetheit bzw. Unerwartetheit oder Bekanntheit bzw. Unbekanntheit / Ungewißheit der dargebotenen Textelemente" (de Beaugrande/Dressler, S.10-11). De Beaugrande und Dressler unterscheiden zwischen drei Stufen der Informativi­tät je nach dem Grad der Aufmerksamkeit, die die jeweiligen Vorkommensfälle erhalten:

erste Stufe (in jedem Text vorhanden): Funktionswörter
zweite Stufe: Standardfälle und Präferen­zen
dritte Stufe: Diskontinuitäten, Diskrepan­zen

Situationalität

Die Situationalität umfaßt die Faktoren, "die einen Text für eine Kommunikations-SITUATION RELEVANT machen" (de Beaugrande/Dressler, S.12). Die Situationalität hat sogar Auswirkungen auf Mittel der Kohäsion, indem sie den Textproduzenten in einigen Fällen (z.B. Texte auf den Verkehrszeichen) zur maximal möglichen Ökonomie zwingt.

Intertextualität

Die Intertextualität ist eine Gesamtheit von Faktoren, die eine Abhängigkeit der Verwendung eines Textes von der Kenntnis früher aufgenommener Texte darstellen. Eine besondere Bedeutung hat dieses Kriterium für die Entwicklung von Textsorten mit typischen Mustern von Eigenschaften.

Zusammenfassung
Einer der wichtigsten Anhaltspunkte der Auffassung der linguistischen Analyse von de Beaugrande und Dressler ist ihre Vorstellung vom Text als einem prozeßhaften Gebilde. In diesem Sinne werden alle Ebenen der Sprache in bezug auf ihre Verwendung beschrieben. Bei dieser Art der Untersuchung kann die Textanalyse mit der Einbeziehung der Einstellungen des Textproduzenten (z.B. Intentionalität), des Rezipienten (z.B. Akzeptabilität) und des kommunikativen Rahmens (z.B. Situationalität) durchgeführt werden.

Methode der linguistischen Textanalyse von Wolfgang Heinemann und Dieter Viehweger

W. Heinemann und D. Viehweger gehen bei der Erarbeitung ihrer Methode vom Begriff der sprachlichen Tätigkeit, von den grundlegenden Prozessen der Textproduktion und der Text­interpretation aus. Sie versuchen  die Hypothesen darzustellen, die "auf der Grundlage von Forschungs­ergebnissen der Linguistik, Psychologie sowie der künstlichen Intelligenz zu Prozessen der Textverarbeitung formuliert wurden" (Heinemann / Viehweger, S. 86).

Textproduktion als eine sprachliche Tätigkeit
Der Sprecher, der einen Text produziert, verfolgt immer eine bestimmte Absicht, die "durch eine Information aus der Umwelt bzw. durch das Bewußtwerden eines Bedürfnisses ausgelöst wird" (Heinemann / Viehweger, S. 89). Je nach der sozialen Zweck­setzung eines Textproduzenten lassen sich folgende Funktionsbereiche erkennen:

- Informationsübermittlung mit Texten
- Lernen mit Texten
- Handlungsanleitungen mit Texten
- Texte zur Erzeugung literarischer Ästhetik
- Überzeugen mit Texten

Die Textproduktion wird als eine sprachliche Tätigkeit definiert, die von der sozialen Zwecksetzung bestimmt wird und somit ein Bestandteil komplexerer Tätigkeiten ist.Die Textproduktion ist eine schöpferische und bewußte Tätig­keit, da bestimmte geeignete Mittel für die Zielrealisierung  ausgewählt werden. Die Textproduktion ist eine intentionale Tätigkeit, da der Sprecher von bestimmten Bedingungen bei der Produktion eines Textes beeinflußt wird.
Die Textproduktion ist, so Heinemann / Viehweger, eine interaktionale, partnerbezogene Tätigkeit, da sie je nach dem Kommunikationspartner kreativ variiert werden kann.
Diesem interaktionalen Aspekt wird von Heinemann / Viehweger eine besondere Bedeutung bei der Textanalyse beigemessen. Der Textbegriff bekommt nämlich eine wichtige Bedeutung als Resultat der sprachlichen Tätigkeit, die von sozial handelnden Individuen vollbracht wird.
Neben der Intentionalität kommen zwei weitere kategoriale Eigenschaften der Textproduktion hinzu: die Interaktionalität und die soziale Zwecksetzung. Darüber hinaus ist der Begriff des Textplanes als einer "mentalen Repräsentation des Ziels" ausschlaggebend. Ein Textplan stellt ein zu erwartendes Resultat sowie die Wege, nach denen das Resultat unter der Berücksichtigung der konkreten Situation erreicht wird, dar.
Bezugnehmend auf die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Textproduktion, definieren Heinemann und Viehweger den Text als eine Äußerungsfolge, die "von einem oder auch von mehreren Sprechern in einer bestimmten Handlungssituation mit einer bestimmten Absicht" (Heinemann / Viehweger, S. 92) produziert wird, um damit einen vom Produzenten gewünschten Zustand zu erreichen.

Die Rolle der Wissenssysteme bei der Textproduktion

Die Produktion eines Textes beruft sich auf gesellschaftliche Erfahrungen, auf verschiedene Arten vom Wissen. Heinemann und Viehweger unterscheiden zwischen
- dem sprachlichen Wissen (z.B. grammatische und lexikalische Regeln),
- dem enzyklopädischen oder Sachwissen und
- dem Interaktionswissen (Illokutionswissen, Illokutions­strukturen, Wissen über allgemeine kommunikative Normen, metakommunikatives Wissen, Wissen über globale Text­stukturen).

Textinterpretation
Die Textinterpretation (auch Textrezeption oder Text­verstehen genannt) umfaßt die Prozesse des Textverstehens durch einen Interpreten. Heinemann und Viehweger warnen davor, das Textverstehen nur als eine "bloße Inversion der Textproduktion" zu interpretieren. Diese Tätigkeit ist viel komplexer, da dabei vage Datenstrukturen von dem Rezipienten mit seinem Vorwissen und mit den durch die kognitive Bewer­tung gewonnenen Kenntnissen "ausgefüllt" werden. Die Textinterpretation ist als ein "text- bzw. datengeleiteter als auch als ein wissensgeleiteter Prozeß zu verstehen" (Heinemann / Viehweger, S. 114).

Zur Problematik der Typologisierung
Jeder Text weist eine bestimmte Struktur auf, die nicht nur für den Sprecher, der einen Text produziert, von Bedeutung ist, sondern auch für den Interpreten, für den die Textstrukturierung ein entscheidender Faktor für das Textverstehen ist.
Dabei ist die Klassifizierung und Typologisierung der Text­strukturen ein Problem, das oft im Mittelpunkt des linguistischen Interesses steht. Von Heinemann und Viehweger wird das Problem weiter untersucht. Sie bauen die Typologisierungsstruktur auf, die "durch multidimensionale Zuordnungen von prototypischen Repräsentationen auf unterschiedlichen Ebenen zustande kommt" (Heinemann / Viehweger, S. 147). Die linguistische Textanalyse von Heinemann/Viehweger zeichnet sich durch die Untersuchung eines Textes auf folgenden "Typologisierungsebenen" aus:
a) Funktionstypen
b) Situationstypen
c) Verfahrenstypen
d) Text-Strukturierungstypen
e) Prototypische Formulierungsmuster


Analysekategorie der Textfunktion

Die Textfunktion soll, so Heinemann und Viehweger, "die Rol­le von Texten in der Interaktion" umfassen. Es handelt sich um Eigenschaften der Texte, soziale und individuelle Aufgaben zu erfüllen sowie soziale Beziehungen herstellen zu können.

Heinemann und Viehweger grenzen folgende 4 Primärfunktionen des Kommunizierens, die untereinander in einem Inklusions­verhältnis stehen und generelle Bewirkungsbereiche der Texte in Interaktionsakten darstellen, ab:


Funktion: Handeln des Textproduzenten
Selbstdarstellung: psychische Entlastung
Kontaktieren: Aufnahme oder Unterstützung des Kontakts mit Partnern
Informieren: Ermittlung/Vermittlung von Informationen von/an Part­ner(n)
Steuern: Partner veranlassen, etwas zu tun

Diese Funktionen haben fließende Grenzen, und sie lassen sich daher nur schwer voneinander trennen.

Situationalität in der Textanalyse
Der Ausgangspunkt dieses Aspektes ist die Auffassung, daß jeder Kommunikationspartner über das "Situationswissen" verfügt, das bestimmte "Situationsmuster" dem Kommunizieren­den zu aktivieren erlaubt.

Man unterscheidet zwischen folgenden Aspekten der Situationalität:
- Interaktionale Tätigkeit, die sich sowohl auf "übergeordnete nichtkommunikative Tätigkeiten" als auch auf "eigenständige kommunikative Tätigkeiten" bezieht.
Die übergeordnete nichtkommunikative Tätigkeit läßt sich weiter in die gegenständlich - praktischen (Klärung der Bedingungen zum Tätigkeitsvollzug und die Organisation des Tätigkeitsvollzugs) und geistig - theoretischen Tätigkeiten zuordnen.
- Soziale Organisation der Tätigkeit geht auf gesellschaftliche Aufgaben zurück.
- Anzahl der Partner
- Soziale Rollen der Interagierenden beziehen sich auf die soziale Verhaltensweise der Kommunikationspartner. Der soziale Status bzw. der soziale Rang bleiben dabei unbeachtet.
Man unterscheidet zwischen
a) symmetrischen (soziale Gleichberechtigung der Kommunikationspartner) und
b) asymmetrischen (mit einem dominierenden Kommunizierenden) Rollen.

- Umgebungssituation. Dabei ist die Beziehung zwischen den lokalen und temporalen Komponenten der Umgebungssituation von Bedeutung.

Verfahrenstypen in der Textanalyse
Unter diesem Aspekt werden "strategische Konzepte" der Text­produktion und Textrezeption untersucht, auf deren Vielzahl folgende Prozesse hervorgehoben werden können:
a) Textentfaltungsprozesse bestimmen die Informationsmenge für eine möglichst erfolgreiche Kommunikation. Die Text - Thema - Entfaltung kann durch
 * eine Spezifizierung des Textthemas,
 * eine Begründung für den im Textthema ausgedrückten Sachverhalt,
 * eine Erklärung des Sachverhalts mit Hilfe von Beispielen, Schemata...
realisiert werden.

b) Strategische Verfahrensschritte. Man unterscheidet zwischen drei wichtigen Verfahrensschritten:
* narrative Verfahren - Repräsentation eines Ereignisses in einer chronologischen Abfolge;
* deskriptive Verfahren - eine von einem übergeordneten Gesichtspunkt ausgehende, detaillierte Darstellung des räumlichen Zusammenhangs von Objekten;
* argumentative Verfahren setzen die illokutiven Handlungseinheiten "zur Begründung von Behauptungen" miteinander in Verbindung.


Textstrukturierung

Für verschiedene Textklassen lassen sich kaum feste Srukturierungsmuster aufstellen. Generalisierend spricht man von zwei Grundkomponenten der Strukturierung:
- kompositorisch - architektonische Komponente zur Darstellung der für den Textproduzenten akzeptierbare Abfolge von den ausgewählten Teiltext - Komplexe. Zu Kompositionstypen gehören:
* Aufgliederung in Teiltexteinheiten,
* Ausgliederung eines Initialteils, Terminalteils aus dem Textkern,
* thematische Fixierung vom Textkern,
* Abfolge der Teiltexte.

Prototypische Formulierungsmuster in der Textanalyse

Das eigentliche Textdarstellen und -herstellen mit sprachlichen Mitteln einer Sprache ist das Wesen dieser Ebene. Dazu gehören:
- textklassen-spezifische Kommunikationsmaximen
- generelle Ordnungs- und Formulierungsprinzipien von Kommunikationsteilnehmern.
- Formulierungsmuster sind "Wörter und Konstruktionen, die sich bei vorausgehenden standardisierten Kommunikationsaufgaben bewährt haben" (Heinemann / Viehweger, S. 166).

Diese Rolle können:
* Einzellexeme,
* Verknüpfungen von lexikalischen Einheiten,
* typische syntaktische Konstruktionen,
* Gliederungssignale
spielen.

Zusammenfassung
Bei der Erarbeitung ihrer Methode der linguistischen Text­analyse versuchten W. Heinemann und D. Viehweger nicht nur neue Ansatzpunkte bei der Auseinandersetzung mit linguisti­schen Problemen darzustellen, sondern auch mehrere bereits existierende Teilaspekte der Textlinguistik zusammenzufas­sen.

Bei der linguistischen Analyse von Heinemann und Viehweger werden Probleme der Klassifikation von Texten besonders ein­gehend untersucht. Die Autoren versuchten die Texte "nicht mehr als bloßes Anhängsel der textlinguistischen Gesamtdarstellung" (Heinemann / Viehweger, S. 11) zu behandeln. Nach ihrer Auffassung ist das Textmusterwissen entscheidend bei der Textproduktion. Das Textverstehen ist auch, so Heinemann/Viehweger, nicht ohne Textmusterwissen zu beschreiben.

Textlinguistische Forschung in ihrer Vielfalt
In dem vorherigen Teil der Arbeit wurde versucht, einige der bekannten theoretischen Auffassungen zur Problematik der Textlinguistik darzustellen.
Wie bereits zu sehen ist, weist jeder der dargestellten Forschungsansätze bestimmte Merkmale auf, die für ihn entscheidend sind, und die ihn von anderen Ansätzen unterscheiden.
Ein kurzer Überblick über einige Grundlagen jeder theoreti­schen Auffassung ist hier angebracht, da er unter anderem bei der Wahl einer Methode als Basis für den praktischen Teil der Arbeit hilfreich ist.
Da der Untersuchungsgegenstand der Textlinguistik der Text ist, so wäre es logisch, die Methodenschwerpunkte in Anlehnung an den Textbegriff zu vergleichen.

De Beaugrande und Dressler haben zur Grundlage eines Textes sieben Kriterien der Textualität ausgewählt, die mehr oder weniger vollzählig auch in anderen Ansätzen erscheinen. Diese Kriterien werden auch zu Ausgangspunkten der Text­analyse. Der prozeßhafte Charakter eines Textes wird dank seiner Betrachtung aus unterschiedlichen "Sichten" (Textproduzent, Textrezipient, kommunikativer Rahmen) herausgehoben. Heinemann und Viehweger interessiert die Frage nach den Wesensmerkmalen von Texten schlechthin und nach Mechanismen des Funktionierens von Texten in der gesellschaftlichen Kommunikation, wobei Texte umfangreich auf mehreren Ebenen klassifiziert werden. "Textmusterwissen" wird für Heinemann und Viehweger zu einem der wichtigsten Begriffe.
Eine besondere Bedeutung bekommt Brinkers Auffassung vom Text als einer kohärenten Folge von sprachlichen Zeichen und / oder Zeichenkomplexen. Das Besondere an dieser Definition ist, daß Brinker nicht von Sätzen und Satzfolgen im Text spricht, sondern von Zeichen(komplexen), d.h., in seiner Auffassung kann sogar ein einzelnes Wort als ein Text betrachtet werden. Der von Brinker wieter entwickelte integrative Textbegriff, wo ein Text als eine "Verknüpfung von Sprechakten" dargestellt wird, wird zur Grundlage seiner Methode, bei der sowohl die Textstruktur als auch die Text­funktion auf mehreren Analyseebenen untersucht werden. Manches in Brinkers Herangehensweise bei der linguistischen Textanalyse spricht dafür, seine Methode als Ausgangspunkt für eine praktische Analyse von Werbetexten anzunehmen. Das ist unter anderem
  • eine umfassende Analyse des thematischen (u.a. Untersuchung von den Grundformen von der Themenentfaltung) und besonders grammatischen Aufbaus (mit der grammatischen Kohärenz als zentrale, auf den syntaktischen und semanti­schen Verknüpfungsbeziehungen zwischen den Sätzen des Textes beruhende Analysekategorie), was eine entscheidende Rolle gerade bei Texten der Kfz - Werbung spielt, wo es sehr stark auf die Struktur des Textes ankommt;
  • eine transparente und nachprüfbare Darstellung der kommunikativen Funktion eines Textes, die für Texte der Autowerbung ausschlaggebend ist. Bei dieser Darstellung wird nämlich der Handlungscharakter des Textes, seine Rolle in der kommunikativen Beziehung zwischen dem Produzent und Rezipient hervorgehoben;
  • Berücksichtigung des situativen Aspekts, die Darstellung seines Bezugs auf Faktoren der Kommunikationssituation;
  • eine Begrenzung auf die Untersuchung von den sogenannten nichtliterarischen Texten, die der Analyse von Werbetexten in der Autobranche sehr zugute kommt.
Nicht zuletzt muß Brinkers praktischer begrifflicher und methodischer Orientierungsrahmen für eine Textanalyse erwähnt werden.

Die o.g. Merkmale von Brinkers Methode der linguistischen Textanalyse sowie ein Versuch der Darstellung von komplexen Beziehungen zwischen der Textfunktion, dem thematischen Aufbau und der sprachlich - grammatischen Textstrukturierung bieten eine effektive Grundlage für eine praktische Analyse von Texten der Autowerbung.